SolidaritÀt im digitalen Raum - eine Studie der unibz und der Johns Hopkins School
#welcomerefugees: Die Forscherinnen Alexandra Budabin und Nina Hall haben die rechtsextreme Online-Taktik des VerdrĂ€ngens und der Ăbernahme von Diskussionen zu deren Gunsten (âHijackingâ) untersucht.
Das Jahr 2015 war geprĂ€gt von einer Einwanderungswelle in Europa, Nordamerika und Australien, online begleitet auf Twitter mit Hashtags wie #welcomerefugees. In dieser Zeit haben verschiedene SolidaritĂ€tsbemĂŒhungen unter der Leitung der Vereinten Nationen (UNHCR), der Zivilgesellschaft und einiger Staaten die UnterstĂŒtzung von FlĂŒchtlingen und Migrant*innen in den AufnahmelĂ€ndern an der Basis gefördert. Online-Kampagnen unterstĂŒtzten dies mit Pro-SolidaritĂ€ts-Hashtags wie #RefugeesWelcome und #WelcomeRefugees. Doch offline wie online formierte sich rasch eine starke Gegenreaktion: Hunderttausende von Tweets verbreiteten Anti-SolidaritĂ€ts-Hashtags wie #RefugeesNOTwelcome und #NOTWelcomeRefugees. So errechneten die zwei Forscherinnen im Zeitraum 2015 bis 2019 ganze 350.000 #norefugees Hashtags, 120.000 #raperefugees Hashtags und 40.000 #migrantinvation Hashtags.
Die zwei Politologinnen Alexandra Cosima Budabin (Freie UniversitĂ€t Bozen) und (Johns Hopkins School of Advanced International Studies) haben diese Konversationen online untersucht und Erschreckendes zutage gefördert. âWir haben dem Schrumpfen der SolidaritĂ€t im digitalen Raum beiwohnen können.â Im Klartext untersuchten sie, wie die #refugeeswelcome-Kampagnen auf Twitter systematisch gekapert wurden. Gegnerische Gruppen verwendeten als Methode einen Hashtag, um die Diskussion an sich zu reiĂen.
âRechtsextreme Gruppen nutzten die positiven Messages, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Taktik erfolgte auf 3 Ebenen: Sie machten die Helfer*innen lĂ€cherlich, beschimpften sie oder nutzten die positiv besetzten Plattformen, um die Helfer*innen einzuschĂŒchtern und zum Schweigen zu bringenâ,
so die Autorinnen von âShrinking Digital Spacesâ.
Die Studienverfasserinnen beobachten, was mit SolidaritĂ€t unter bösartigen Attacken passiert. âDie Verbreitung von Anti-SolidaritĂ€ts-Hashtags muss ernst genommen werden, da sie erstens eine beliebte rechtsextreme Online-Taktik des âKapernsâ von Diskussionen (Hijacking) verkörpert und zweitens, da diese Hashtags und die sie begleitenden Diskurse eklatante Beispiele fĂŒr eine âsanfte Repressionâ (soft repression) darstellen. Vielfach mit stark frauenfeindlichen Untertönen.â
âWir zeigen mit unserer Studie auf, wie sehr die rechtsextreme Online-Kommunikationstaktik die Migrant*innen und FlĂŒchtlinge sowie ihre UnterstĂŒtzer*innen lĂ€cherlich machen, stigmatisieren und zum Schweigen bringen.â
Das fĂŒhrt gleichsam zum Schrumpfen digitaler RĂ€ume, daher der Titel der Studie: ââ (Schrumpfende digitale RĂ€ume: Das Hijacking von #Refugees Welcome-Kampagnen auf Twitter, AdR.). Die Studie ist Teil der Publikation (von Donatella della Porta, Elias Steinhilper).
Unter Verwendung sowohl quantitativer als auch qualitativer AnsĂ€tze stellten die Autorinnen fest, dass Anti-SolidaritĂ€ts-Hashtags wie #refugeesNOTwelcome und #NOTwelcomerefugees mit Pro-SolidaritĂ€ts-Hashtags wie #refugeeswelcome und #welcomerefugees interagierten. Diese Taktik, zusammen mit gleichzeitig auftretenden Hashtags, dient dazu, den Mainstream-Diskurs mit rechtsextremem Gedankengut zu unterwandern. Sie nehmen mit immerhin 50.000 Tweets einen breiten Raum ein. âWir sehen anhand der Zahlen, wie ein toxisches Klima online Einzug genommen hat in Hinblick auf FlĂŒchtlinge und durch diese aggressive Form der Online-Konversation einschĂŒchternd wirkt.â
(vic)